Besonderheiten der systemischen Therapie

Warum „systemisch“?

Im Unterschied zu den meisten anderen Psychotherapieverfahren betrachten wir in der systemischen Therapie das Erleben und Verhalten von Menschen vorrangig im Kontext ihrer sozialen Beziehungen. Als Systeme werden z.B. Familien, Organisationen und Freundeskreise bezeichnet – also soziale Zusammenhänge, in denen wir uns im Alltag bewegen. Jedes System funkioniert auf seine ganz eigene Art: manche besser, andere schlechter. Seelisches Leid von Einzelnen und Krankheitssymptome entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern stellen Lösungsversuche der Psyche für schwierige Ausgangssituationen dar.

Ein Beispiel: Frau Z. traut sich seit geraumer Zeit nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen, da sie öfters auf der Straße in scheinbar grundlose Angstzustände verfällt. Sie leidet sehr darunter, und auch ihr Familienleben mit ihrem Mann und dem sechsjährigen Sohn ist von dieser Einschränkung gravierend beeinflusst, da kaum mehr gemeinsame Unternehmungen möglich sind. In der Therapie stellt sich heraus, dass die Symptomatik ihren Beginn hatte, als es Frau Z.s Mutter, die im gleichen Haus lebt, gesundheitlich schlechter ging. Frau Z. hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter und möchte möglichst wenig Kontakt zu ihr haben. Trotzdem ist ihre größte Angst, die Mutter könne sterben, während sie selbst nicht zu Hause ist und ihr nicht helfen kann. Durch ihre eigene Krankheit ans Haus gefesselt, entgeht sie somit dem Risiko, sich irgendwann für den Tod ihrer Mutter schuldig fühlen zu müssen.

Was passiert in einer systemischen Therapie?

In der Therapie suchen wir nach alternativen Lösungsmöglichkeiten, die mit weniger Leiden verbunden sind. Das kann für jeden Menschen etwas anderes sein, und nur Sie selbst können entscheiden, was Ihnen gut tut und was nicht. Deshalb verzichten wir in der systemischen Therapie auf Diagnosen und festgelegte Behandlungspläne. Statt dessen suchen wir nach den Ressourcen unserer Klient_innen, nach dem, was Ihnen Kraft gibt. Und wir versuchen, ungünstige Interaktionsmuster und Glaubenssätze ins Wanken zu bringen. Erst dann ist Platz für neue Entwicklungen da.

Frau Z. erkennt, dass bei ihr mehr Loyalität und Verantwortungsgefühl ihrer Mutter gegenüber da ist, als sie es sich selbst eingestehen wollte. Außerdem wird ihr bewusst, dass das mit unausgesprochenen und doch wirksamen Aufträgen ihrer Mutter an sie („kümmere dich um mich“) in Verbindung steht. Sie entscheidet sich für ein klärendes Gespräch mit ihrer Mutter, das jedoch zunächst nicht besonders fruchtbar verläuft. Im Laufe der Zeit gelingt es Frau Z., im Kontakt mit ihrer Mutter mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Frau Z.s Symptome nehmen in dem Maße ab, in dem die Kommunikation zwischen den beiden offener und klarer wird. Außerdem entwickelt sie durch diese Auseinandersetzung ein ganz neues Selbstbewusstsein.

Wie lange dauert eine systemische Therapie?

So lange, wie Sie davon profitieren. Am Anfang besprechen wir genau, was Sie sich von der Therapie erhoffen und woran Sie merken werden, dass Sie das erreicht haben. Falls im Prozess neue Themen auftauchen, können wir die Therapieziele natürlich verändern. Manchmal genügen einige wenige Sitzungen, um Veränderungen in eine gute Richtung anzustoßen. In anderen Fällen kann eine längere Begleitung sinnvoll sein. Die Therapie kann zu jedem für Sie passenden Zeitpunkt unterbrochen oder beendet werden.

Weiterführende Informationen

Die systemische Therapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes und wirksames Psychotherapieverfahren. Mehr u.A. zum theoretischen Hintergrund finden Sie auf den Seiten der beiden großen Fachverbände:

Systemische Gesellschaft: www.systemische-gesellschaft.de

Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V.: www.dgsf.org